Die unzertrennlichen Geschwister

Die Elstertalbrücke kurz nach ihrer Vollendung – zeitgenössische Lithografie, um 1851.

Die Elstertalbrücke kurz nach ihrer Vollendung – zeitgenössische Lithografie, um 1851.

Im Mai 1851 reisten zwei „Geschwister“ aus dem sächsischen Vogtland nach London, zur Weltausstellung im Crystal Palace. Es waren Modelle zweier Bauwerke, die erst kurz zuvor fertiggestellt wurden und als Wunderwerke sächsischer Ingenieurskunst galten: die Göltzschtalbrücke und die Elstertalbrücke.

Entstanden aus demselben Geist und im Rahmen desselben Bahnprojektes, wurden sie stolz neben Dampfmaschinen und Telegrafen aus aller Welt präsentiert – und von Publikum und Presse gefeiert. Damit verstummten auch die Stimmen vor Ort, die dem Bauvorhaben kritisch gegenüberstanden.

Die Baugeschichte: eine Strecke – zwei Herausforderungen

Im Jahr 1841 beschlossen Bayern und Sachsen per Staatsvertrag den Bau einer der ersten deutschen Fernbahnen: die Strecke von Leipzig nach Nürnberg. Die Route führte durch das Vogtland mit seinen tief eingeschnittenen Tälern. Für den im Vogtland geborenen Bauingenieur Prof. Johann Andreas Schubert, der die Brücken maßgeblich entwarf und ihre Statik berechnete, bedeutete das Neuland. Auf der Suche nach möglichen Vorbildern musste er bis in die Zeit des Römischen Reichs zurückgehen: zu berühmten Aquädukten wie dem Pont du Gard in Avignon.

Diese waren allerdings für deutlich geringere Lasten ausgelegt, weil sie dem Wassertransport dienten.

Schubert und sein Konsortium entschieden sich schließlich für zwei Bogenbrücken – 80 Meter über dem Göltzschtal, 70 Meter über dem Elstertal. Da geeigneter Naturstein in der Region nicht ausreichend verfügbar war, wurden in den Brücken rund 38 Millionen Ziegelsteine verbaut, die direkt an den Baufeldern in Feldziegeleien produziert wurden. Nur für die hoch beanspruchten Bögen kamen Granit und Sandstein zum Einsatz. Es war eine Entscheidung aus Kostengründen – aber es war die richtige.

Dass die Brücken bis heute genutzt werden können, ist auch das Ergebnis einer sorgfältigen Planung und guter Qualitätskontrolle: Für die Ziegelproduktion und den Fugenmörtel hatten die Verantwortlichen verbindliche Normen etabliert.

Bauen ohne Bagger und Kräne: Ein gewaltiges hölzernes Arbeits- und Traggerüst trug die Gewölbe, bis der Mörtel zwischen den Millionen Ziegeln erhärtet war. Zeitgenössische Darstellung des Brückenbaus.Kunstwerk © Alfred Görstner

Bauen ohne Bagger und Kräne: Ein gewaltiges hölzernes Arbeits- und Traggerüst trug die Gewölbe, bis der Mörtel zwischen den Millionen Ziegeln erhärtet war. Zeitgenössische Darstellung des Brückenbaus.

Ein Oberbauleiter für beide Brücken

Historische Postkarte nach der Fertigstellung, Urherber Unbekannt

Historische Postkarte nach der Fertigstellung, Urherber Unbekannt

Geleitet wurden die Bauarbeiten an beiden Brücken ab 1845 von einem Team um den Oberingenieur Robert Wilke. Zwei Großvorhaben in eine Hand zu legen, war eine mutige und ungewöhnliche Entscheidung. Dass mit den Brückenbauten trotz enormer technischer und logistischer Hürden ein großer Wurf gelang, hatte neben fachlichen auch einen atmosphärischen Grund: die gesunde Vertrauensbasis zwischen allen Beteiligten. Politiker, Investoren, Ingenieure und das Direktorium der sächsisch-bayerischen Eisenbahn-Compagnie zogen in allen wichtigen Fragen an einem Strang – ein Vorbild für die erfolgreiche Generalinstandsetzung an der Elstertalbrücke in den Jahren 2022 bis 2025, die ebenfalls das Ergebnis einer starken Teamleistung darstellt.

Verwandt, aber unverwechselbar

Das Göltzschtalviadukt ist die größte Ziegelgewölbebrücke der Welt. Über 26 Millionen Ziegel wurden hier verbaut. Seit 2009 trägt sie den Titel eines historischen Wahrzeichens der Ingenieurbaukunst in Deutschland.

Das Elstertalviadukt ist etwas kleiner – über 12 Millionen Ziegel –, wirkt aber durch seine zwei übereinanderliegenden Gewölbereihen mit größeren Bogenweiten gleichzeitig monumental und schlank. Sie wurde mehrfach aus- und umgebaut und ist seit 2024 ein Wahrzeichen der Umbaukunst.

Was beide Brücken verbindet: Sie tragen noch heute den Eisenbahnverkehr – über 170 Jahre nach ihrer Fertigstellung.

Gemeinsam erlebbar

Sie wollen die beiden Geschwister besser kennenlernen? Das geht am besten auf dem Brückenwanderweg, einer Etappe des Vogtländischen Panoramawanderwegs. Rund 80.000 Besucherinnen und Besucher kommen jedes Jahr, um die schönsten Brücken des Vogtlands zu erleben. Ein Ort, an dem Geschichte und Gegenwart sich begegnen.

Sie sind weiter interessiert?

Das Buch „150 Jahre Göltzschtal- und Elstertalbrücke im sächsischen Vogtland“ vom Autor Peter Beyer ist im Vogtlandverlag erschienen.

ISBN 3-928 828-20-7